9. Februar 2024

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Emotionales Essen und Kinder

Von Ilga Pohlmann

Zum Mitnehmen: 
Eltern, die für das Thema Emotionales Essen sensibilisiert oder selbst davon betroffen sind, sorgen sich häufig, dass ihre Kinder auch mit Emotionalem Essen zu tun haben könnten. Viele fragen sich dann, wie sie ihre Kinder davor beschützen können, Emotionale Esser zu werden. In meinen Augen geht es nicht darum, das Verhalten der Kinder verändern zu wollen, sondern sie emotional, so gut wie es eben geht, zu begleiten und ihnen sichere Verbindungen anzubieten. Und sich um das eigene Essverhalten zu  kümmern!

Im Endlich frei essen!-Programm kam vor kurzem eine wichtige Frage auf:

Wie schütze ich mein Kind davor, Emotionaler Esser zu werden? Wenn mein Kind als Trost etwas Süßes möchte, darf ich es ihm dann geben? Ist das dann nicht Emotionales Essen? Was kann ich in meiner Erziehung anders machen, damit mein Kind nicht emotional isst?

Wie können Eltern ihre Kinder vor dieser Thematik bewahren?

Verständlicherweise möchten Eltern ihre Kinder davor beschützen! Gerade, wenn sie von dem Thema gehört oder auch selbst damit zu tun haben oder meinen, es bei ihrem (Klein)Kind zu beobachten!

Lass uns darauf einen tieferen Blick werfen, denn in meinen Augen ist das Thema komplex und hat am allerwenigsten damit zu tun, dass man bei den Kindern oder in ihrem Verhalten etwas ändern muss. 

Zum Einstieg gehe ich einen Schritt zurück. Wir fangen nochmal mit den Grundlagen an.

Das Suchtmittel hilft, einen Schmerz zu unterdrücken. 

Bei einer Sucht wie dem Emotionalem Essen wird das Suchtmittel (bei emotionalen Essern das Essen) genutzt, um unangenehme Gefühle zu überdecken und zu unterdrücken.

Das hört sich vielleicht merkwürdig an. Aber ich sehe es bei Emotionalen Essern immer wieder, dass sie nicht aus Freude oder Genuss essen.

Im Gegenteil: Sie wollen das ständige Essen endlich los werden und “normal” essen, sie können aber nicht. Sie essen aus einer inneren Not heraus, die sie selbst oft gar nicht richtig fassen können. Meist ist sie ihnen gar nicht bewusst, sie spüren nur den starken Druck, etwas essen zu müssen. 

Diese innere Not ist häufig ein Schmerz, der schon früh entstanden ist. Und zwar oft schon in der frühen Kindheit.

Wenn dieser Schmerz damals nicht begleitet und gehalten wurde, dann setzt er sich im Körper fest und kann bis ins Erwachsenenalter wirken. Ein Trauma ist entstanden.

Ein Beispiel:

Ein Kind verliert auf dem Spielplatz seine Bezugsperson aus den Augen. Das Kind erschreckt sich sehr, bekommt Angst und fühlt sich allein gelassen. Da kommt schon die Mutter auf das Kind zu. Sie versteht nicht, was mit dem Kind los ist, und beschwichtigt das Kind: “Ist nicht so schlimm. Spiel einfach weiter.” Vielleicht nimmt sie das Kind nicht in den Arm, um es zu halten. In diesem Fall hatte das Kind nicht die Möglichkeit, eine Verbindung zu einer vertrauten Person aufzunehmen und den Schmerz zu verarbeiten und ihn damit wieder loszulassen. 

Dann ist für das Kind oft die einzige Möglichkeit, den Schmerz zu unterdrücken. Allein schafft das kindliche Gehirn noch nicht, den Schmerz zu ertragen. 

Durch das Unterdrücken bleiben die Gefühle allerdings im System und können später im Erwachsenenleben wieder wachgerufen werden.


Am besten schauen wir uns die Sache mit dem Trauma nochmal genauer an.

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma kann man vielleicht am einfachsten als ein unverarbeitetes Gefühl beschreiben, das im Unterbewusstsein gespeichert ist und unbewusst auf unser heutiges Verhalten wirkt.

Wie entsteht ein Trauma?

Wir erleben alle als Kinder Situationen, in denen wir überfordert sind. Die Überforderung, welcher Art auch immer, löst unangenehme Gefühle in uns aus. Das sind Gefühle, die uns alarmieren und uns mitteilen, dass die Situation uns nicht gut tut.

Wenn nun in solchen Situationen niemand da ist, der uns durch die Gefühle begleitet, kann sich ein Trauma entwickeln. Ein Trauma entsteht dann, wenn ein Gefühl nicht verarbeitet (= gefühlt) wird und wir stattdessen versuchen, das Gefühl zu unterdrücken, um es nicht fühlen zu müssen.

Und an dieser Stelle kommt bei Emotionalen Essern das Essen ins Spiel. Das Essen hilft, die unerträglichen Gefühle weiter zu unterdrücken und nicht fühlen zu müssen.

Bewahre dein Kind vor Emotionalem Essen, indem du es siehst und begleitest.

Diese Stelle ist genau der Punkt, an dem Eltern und andere Bezugspersonen ansetzen können, um zu versuchen, ihre Kinder vor Sucht zu schützen.

Damit kein Trauma entsteht, ist es wichtig, dass das Kind sich in überfordernden Situationen nicht allein fühlt. Wenn das Kind einen Erwachsenen hat, der es emotional auffängt und mit dem das Kind seinen Stress teilen kann, dann erlebt das Kind Geborgenheit und Verbindung.

In dieser sicheren Verbindung kann dann das Kind seine Gefühle fühlen und zeigen und damit verarbeiten. Und genau dadurch lösen sich die Gefühle, können wie abgeschüttelt werden und gehen. Und dann braucht es auch kein Essen oder sonstiges Suchtmittel um sie zu unterdrücken.

Selbst bei sexuellen Übergriffen muss kein Trauma entstehen, wenn jemand da ist, der das auffängt. Oft ist bei einem sexuellen Übergriff nicht der Übergriff selbst das Trauma, sondern, dass das Kind sich niemandem anvertrauen kann oder wenn es dies versucht, nicht gehört wird. Dann bleibt es mit seinen Gefühlen allein, kann sie nicht einordnen und so führt die traumatische Situation tatsächlich zu einem Trauma. 

"Trauma ist nicht das, was dir passiert, sondern das, was in dir geschieht, als Folge dessen, was dir widerfahren ist." – Gabor Maté 

Es ist also wichtig, die Gefühle der Kinder ernst zu nehmen und sie zu validieren: "Ich sehe, dass du traurig bist. Das ist gerade echt schlimm für dich, oder?" (Und nicht die Kinder abzulenken z.B. mit Süßigkeiten: "Ach, so schlimm ist das nicht. Du brauchst nicht traurig sein!")

Wichtig ist es, da zu sein und eine Verbindung anzubieten. Vielleicht Körperkontakt herzustellen und gleichzeitig immer darauf zu achten, welche Signale das Kind aussendet: Will es das oder lieber nicht?

Kinder tendieren schnell dazu, zu denken, dass sie oder ihre Gefühle falsch sind oder dass sie Schuld sind. Als Lösung versuchen sie dann, ihre Gefühle zu unterdrücken, um wieder richtig zu sein und richtig zu fühlen. Hilfreich ist es also, den Kindern immer wieder und nicht nur in herausfordernden Situationen zu signalisieren: Du bist gut so, wie du bist.


So, ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass es darum geht, dass die Kinder verlässliche und sichere Beziehungen aufbauen können, in denen sie äußern können, wie es ihnen geht, und aufgefangen werden. Und wenn es dann in dieser sicheren Verbindung ab und an mal ein Eis als Trost gibt, dann fördert das in meinen Augen keine Sucht. Ich denke, dass erst ein Problem entstehen kann, wenn das Eis der einzige Halt für das Kind ist und es keine menschliche Verbindung findet. Wenn nur das Essen dem Kind "hilft", mit den Gefühlen klarzukommen.

Emotionales Essen Kleinkind

Stress dich bitte nicht.

Weiterhin ist mir aber noch ganz wichtig zu sagen, dass ihr euch bitte nicht unter Druck setzen sollt.

Denn eins ist klar: Als Eltern wird man niemals alles richtig machen können, auch wenn man sich sehr viel Mühe gibt. Und vielleicht geht es auch gar nicht darum.

Deshalb mach dir bitte nicht zu viele Gedanken und Sorgen. Sehr wahrscheinlich wird es nicht immer rundherum glatt und perfekt laufen. Ich habe auch immer wieder Klienten, die mir berichten, wie gut ihre Eltern alles gemacht haben, dass ihre Eltern nie auch nur einen Fehler gemacht haben, stets liebevoll und fürsorglich waren und dennoch haben die Klienten das Emotionale Essen als Lösung gefunden. 

Und ich verrate dir warum: Weil sie in ihrer Kindheit den Schluss gezogen haben, dass sie nie so fehlerlos und perfekt wie ihre Eltern sein können und dass sie es nicht verdient haben, so bedingungslos geliebt zu werden.

Verrückt, oder? Viele sind sauer auf ihre Eltern, weil sie nicht alles richtig gemacht haben. Und wenn die Eltern aber “alles richtig gemacht haben”, dann denken die Kinder manchmal, dass sie das Gute so nicht verdient haben.

Trauma und Sucht als Entwicklungspotenzial

Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass solche kindlichen Missverständnisse und auch Trauma wahrscheinlich einfach zu unserem Leben dazugehören. Denn – so unangenehm es auch ist – sie bergen gleichzeitig unheimlich große Entwicklungspotenziale. Wenn wir diese Verletzungen geheilt haben, können wir durch sie erkennen, wie schön das Leben ist – in einer ganz anderen Qualität, mit einem ganz anderen Erfahrungsschatz.

Deshalb ist es mir am Ende noch ein Anliegen zu sagen, dass du dich selbst bitte nicht aus dem Fokus verlierst. Wenn du dich nur noch um deine Kinder drehst, dann ist niemand mehr für dich da und wenn niemand mehr für dich da ist und du nicht mehr gut versorgt bist, kannst du auch nicht gut für deine Kinder sorgen.

Löse dein eigenes Emotionales Essen.

Meine Empfehlung wäre, dass du dich immer wieder um deine eigenen Verletzungen kümmerst. Wenn du Essensdrang hast, emotional isst oder spürst, dass dich irgendetwas emotional mitnimmt und du "aus der Liebe fällst", dann kümmere dich um dich. Wenn du dafür sorgst, dass dein Herz offen ist, dann kannst du auch deinen Kindern gegenüber mitfühlend reagieren und sie liebevoll begleiten.

In meinen Augen ist es am wichtigsten, dass die Eltern erst mal ihr eigenes Emotionales Essen in Ordnung bringen, um nicht unterschwellig ihre Sorgen und Ängste auf die Kinder zu übertragen. Kinder beobachten und spiegeln das Verhalten der Erwachsenen und sind oft irritiert darüber, dass ihnen etwas anderes erzählt wird, als sie sehen können. Diese Unstimmigkeit kann bei ihnen ein Gefühl der Unsicherheit auslösen, was wiederum in die Richtung Trauma (siehe oben) führen kann. Kinder spüren auch intuitiv, dass etwas nicht passt, wenn Mama tagsüber sehr kontrolliert und gesund isst, aber abends, wenn die Kinder im Bett sind, Süßigkeiten und Co. aus emotionalen Gründen isst.

Wir wissen nicht, was das Beste für die anderen ist.

Und zu guter Letzt: Jeder geht seinen eigenen Weg und wenn ich damals nicht zuckersüchtig und emotionale Esserin geworden wäre, dann hätte ich, im Nachhinein gesehen, eine Menge nicht gelernt und könnte diesen Job hier nicht ausführen.

Die Kinder werden später die Möglichkeit haben, ihr Leben zu ändern. Und sie werden daran wachsen. Daher wissen wir vorher einfach nicht, was genau am besten für das Kind wäre.

In der Klopftechnik sehen wir es so: Wenn man viel darüber nachdenkt, dass sich etwas im Leben einer anderen Person ändern müsste, damit es besser wird, ist der erste Mensch, mit dem man arbeiten sollte, man selbst. Im Fall des Essens könnten da Fragen wie diese auf die Spur helfen:

  • Warum schmerzt mich der Gedanke so, dass meine Kinder emotionale Esser werden könnten?
  • Warum sorge ich mich und fällt es mir schwer, meinen Kindern Vertrauen entgegen zu bringen, dass sie den Umgang mit dem Essen schon lernen werden?
  • Was sagt mir das über meine eigene Kindheit?
  • Warum stresst mich das Thema Essen so sehr?
  • Du siehst, es ist ein großes Thema. Ich hoffe, ich habe euch ein paar Anregungen gegeben.

    Bilder: Canva

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